PoD (Points of Discontinuity) - Abstract

Das vorliegende Projekt zielt darauf ab, neue Wege der Analyse zeitbezogener Prozesse in posttonaler instrumentaler und elektronischer Musik zu entwickeln, die auf Erkenntnissen und Forschungsmethoden zweier früherer FWF-Projekte basieren (Eine kontextsensitive Theorie der posttonalen Klangorganisation [CTPSO], 2012–14, und Augmented Listening: Aufführung, Hörerfahrung und Theoriebildung [PETAL],2017–20). Insbesondere werden wir dabei das Konzept der „Kadenz“ ausgehend von seiner Verwendung in der Analyse tonaler Musik auf posttonale und klangbasierte Musikwerke der letzten hundert Jahre ausweiten. Zusätzlich zu tonhöhenbasierten harmonischen Prozessen werden bei unserem Konzept der posttonalen Kadenz grundlegende Eigenschaften tonaler Kadenzen wie Instabilität/Stabilität und Bewegung/Ruhe beibehalten. Darüber hinaus werden wir zeigen, wie die Wahrnehmung von Kadenzmomenten durch weitere musikalische Dimensionen wie Tempo, Klangfarbe, Dichte, Textur und Raum bedingt sein kann. Im weiteren Sinne können sie als „Momente der Diskontinuität“ betrachtet werden, an denen Schlüsse und Neuanfänge zusammentreffen. Die relative Salienz (Deutlichkeit) dieser Punkte ist entscheidend für die formale Gestaltung eines bestimmten Musikstücks, wobei der musikalische Fluss in einzelne Phrasen oder Abschnitte auf verschiedenen Ebenen segmentiert (unterteilt) wird. Eine aussagekräftige Kategorisierung dieser Art der Segmentierung ist das Hauptziel unseres Projekts. Als theoretische Werkzeuge zur Kategorisierung von Kadenzpunkten verwenden wir die Konzepte „Entropie“ (Grad von Ordnung/Unordnung), „Konvergenz/Divergenz“ und „Kontinuität/Diskontinuität“.

Unsere Forschung gliedert sich in drei Phasen: (1) Segmentierungspunkte und -grade werden in einem breiten Repertoire posttonaler instrumentaler und elektronischer Werke identifiziert, die auf wahrnehmungssensitiven Analysemethoden sowie webbasierten Experimenten mit externen Zuhörer*innen basieren. (2) Aufbauend auf einer Auswertung dieser Forschungsdaten formulieren wir Hypothesen, die Organisation und Wahrnehmung von Kadenzmomenten in posttonaler Musik auf nuancierte, kontextsensitive Weise kategorisieren und beschrieben. (3) Elektronische Klangsequenzen werden als Modelle dieser Hypothesen erstellt und in Wahrnehmungsexperimenten mit Zuhörer*innen (mit und ohne musikalische Kenntnisse) verwendet. Die Ergebnisse dieser Experimente dienen dazu, unser theoretisches Modell der Kadenz und Zeitorganisation in posttonaler Musik weiter zu verfeinern.

Die Ergebnisse werden über eine Projektwebsite, eine Reihe von Peer-Review-Artikeln in Open-Access-Zeitschriften sowie eine öffentliche zweitägige Konferenz am Ende des Projekts zugänglich gemacht. Zu den technologischen Ergebnissen unserer Forschung gehört die Entwicklung einer Software zur Segmentierung von Musikbeispielen und zur Analyse räumlicher Strukturen. Alle Daten, die während unserer Forschung gesammelt werden, werden in anonymisierter Form über ein Open-Access-Github-Repository zugänglich gemacht.